Nils Hindersmann im Interview

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Nils Hindersmann im Gespräch.

 

Europa wählt. Am 25. Mai sind alle EU-Bürger aufgerufen ein neues Parlament zu wählen. Auch Nils Hindersmann steht zur Wahl. Er ist jüngster Kandidat der SPD auf den aussichtsreichen Plätzen. Wir haben ihn nach seinen politischen Überzeugungen gefragt.

 
Nils Interview 2
 

Zwischen Syke und Alabama: Erste politische Kontakte

Hans-Peter Schmidt-Treptow: Kommen Sie aus einer politisch aktiven Familie oder woher rührt das Interesse dafür?

Nils Hindersmann: Ja, das kann man so sagen. Meine Eltern waren und haben mich zwar nicht parteipolitisch geprägt, obwohl meine Mutter und mein Vater immer sozialdemokratisch gewählt haben, also die klassischen Stammwähler waren. Schon als Kind wurde in unserer Familie politisch diskutiert. Meine Mutter und ich sind dann im selben Jahr in die SPD eingetreten, sie hat auf kommunaler Ebene gewirkt. Ich fand das damals spannend und sie hat mich mit ihren Aktivitäten sehr motiviert.

HPST: Wann haben Sie festgestellt, selbst politisch denkend zu sein oder ein politischer Mensch zu sein oder zu werden?

NH: Sehr bewusst aufgefallen ist mir das als ich aus den USA zurückkam, wo ich ein schulisches Austauschjahr verbracht habe, das war 1996/1997 als Clinton wiedergewählt wurde. Ich war damals in Alabama und dort habe ich vor allem die gravierenden sozialen Unterschiede in den Südstaaten mitbekommen, die dort sehr offen zu Tage getreten sind. Im Gegensatz dazu musste ich feststellen, dass in Deutschland eher ein sozialer Ausgleich da ist. Für mich persönlich hieß das aber, dass das nicht automatisch so sein muss, sondern dass man dafür etwas tun sollte, dass dieser Status hier in Deutschland gehalten werden kann. Das war eine Art Initialzündung für mich. Ich wollte mich in Deutschland selbst in das Geschehen einbringen und es mitgestalten.

HPST: Als Sie aus Alabama zurückkamen, hatte ich – nach dem Lesen Ihrer Vita – den Eindruck, dass Sie an Ihrer Schule für Aufruhr gesorgt haben...

NH: Also ein Revoluzzer war ich nicht (lacht), das wäre ein überspitztes Bild. Es gab damals eine rot-grüne-Landesregierung in Niedersachsen und es wurde versucht, den Bildungsbereich zu beschneiden, also Neueinstellungen von Lehrern einzusparen oder diese nicht zu verbeamten. Das haben wir in unserem Gymnasium in Syke deutlich gemerkt. Wir Schüler wollten das nicht so einfach akzeptieren, haben Demonstrationen organisiert. Uns war klar, dass wir die Vorgaben im Bildungsbereich aus Hannover nicht einfach hinnehmen wollten, aber die Alternative einer schwarz-gelben Regierung wäre ein größeres Übel gewesen.

HPST: Sie haben Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Finanzwesen studiert. Haben Sie schon damals Pläne gehabt, das politisch/beruflich zu verwenden oder war der Wunsch da daraus in der Wirtschaft oder Industrie das große Geld zu machen?

NH: Ich habe meine Studienwahl sehr bewusst getroffen. Priorität hatte dabei, was mich inhaltlich interessiert, das erschien mir völlig natürlich. Ich erinnere mich gut an meine ersten Tage in Göttingen. Es gab einen Professor mit dem ich diskutiert habe. Dabei stellte sich sehr schnell die Frage, ob das klassische universitäre Studium nicht doch praxisfremd sei. Ich erhielt als Antwort, dass es ein Studium der Wirtschaftswissenschaften keine Berufsausbildung ist! Das heißt, man setzt sich theoretisch mit Materie auseinander und wie und zu welchem Zweck das später beruflich verwendet wird ist nicht Gegenstand der Ausbildung an der Uni. Das kann man kritisieren und als praxisfern bezeichnen, man kann es aber auch als Bildung verstehen. Ich fand die Antwort gut, weil es auf mich hundertprozentig zutraf. Für mich war das ein Zusammentreffen von Politik und Ökonomie, also Volkswirtschaft. Während meines Studiums kam ich dann zu der Erkenntnis, dass Politik Wirtschaft beeinflussen kann. Es muss eben nur darauf geachtet werden, dass wir ein mehr auf Ausgleich gerichtetes Sozial- und Gesellschaftssystem haben, anders als in den Vereinigten Staaten. Das war die Erkenntnis für mich und stand im Fokus, weniger die eigentliche Berufswahl.

 
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Internationale Begegnungen

HPST: Ich würde gern über das Thema Koalition sprechen. Diese Regierungsform im Kleinen kennen Sie durch eine Kooperation, während der EXPO, im Jahre 2000 mit der Jungen Union.

NH: Ja, aber es war nicht wirklich eine politische Kooperation. Es war zunächst einmal ein großes gesellschaftliches Treffen, was sehr entspannt verlief. Ich erinnere mich noch, dass es eine lange Diskussion bei den JUSOS, den Jungsozialisten in der SPD, gab, ob die Weltausstellung für Hannover oder Deutschland überhaupt sinnvoll ist. Man sprach darüber, dass das Geld besser verwendet werden könnte z. B. für Bildung. Schlussendlich musste ich aber feststellen, dass Hannover und Niedersachsen von der Veranstaltung profitiert haben, es stand aber auch kein großer politischer Aspekt dahinter. Die Zusammenarbeit mit der Jungen Union war angenehm, aber eben auch weil sie nicht wirklich politisch war. Es herrschte einfach viel Toleranz zwischen jungen Leuten, die politisch unterschiedlich denken.

HPST: Bei dem internationalen Jugendfestival der International Union of Socialist Youth (IUSY) in Malmö/Schweden kam es zu Begegnungen mit der israelischen Arbeiterjugend Labour Youth und der palästinensischen Fatah. Wie haben Sie es geschafft, Gespräche zwischen den beiden Lagern zu vermitteln?

NH: Wir haben als Jusos ein gemeinsames Projekt, was auch in Jerusalem verortet ist, das Willy-Brandt-Zentrum. Die dortigen Mitglieder arbeiten eng mit sozialdemokratischen Vereinigungen in Israel zusammen. Der Grundgedanke dabei ist, den Frieden im Nahen Osten endlich herzustellen. Ich habe damals, nicht nur in Malmö, gemerkt, dass es möglich ist, die Jugendlichen an einen Tisch zu bringen und miteinander reden zu lassen. Man ging zwar zeitweise laut und heftig aufeinander los aber eben nicht mit Waffen sondern Worten. Ich habe bei diesen Gesprächen aber auch feststellen müssen, dass die Situation auf beiden Seiten sehr verfahren ist, dass es wohl noch sehr lange dauern wird bis Einigung sprich Frieden entsteht.

Europa nicht nur als Thema

HPST: Lass uns über das Thema Europa sprechen. Nils Hindersmann kandidiert für die SPD für das Europäische Parlament, aussichtsreich! Wie kam es dazu?

NH: Wie meiner Vita zu entnehmen ist habe ich mich schon immer für internationale Politik interessiert und eingebracht. Mir sind Themen wichtig wie Mindestsozialstandard und –lohn sowie Mitbestimmung. Ich musste aber auch feststellen, dass meine Möglichkeiten einer aktiven Unterstützung begrenzt sind, solange ich nur quasi ehrenamtlich tätig bin. Ich wollte so gern ein paar meiner Ideen verwirklicht sehen. Erst seit ein paar Jahren ist das Europäische Parlament, seit dem Vertrag von Lissabon, soweit, dass es Gesetzgebung machen kann und auch Haushalte beschließt sowie, und das halte ich für sehr wichtig, einen Kommissionspräsidenten stellt. Damit hat das Parlament viel Kompetenz und man kann mit seiner Abgeordnetentätigkeit sehr viel bewirken.

HPST: Ich finde, dass das Europäische Parlament aus deutscher Sicht stiefmütterlich behandelt wird. Die Bevölkerung kennt kaum deutsche Abgeordnete, sie finden selten in den Medien, wie Talkshows oder Presse, statt. Wie kann die Bürgerbeteiligung am Europaparlament gestärkt werden?

NH: Ich glaube, dass das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Es ist einfach noch nicht bei allen Menschen angekommen und hier sehe ich meine Aufgabe diesen Leuten das Europäische Parlament und überhaupt Europa näher zu bringen. Nicht jeder weiß, dass diese Regierung genauso entscheidet wie jedes andere nationale Parlament auch. Der zweite Punkt ist, dass Europapolitik bisher nicht personalisiert war und dadurch für die Medien nicht interessant ist.

HPST: Andere Länder scheinen da weiter zu sein, Griechenland entsandte beispielsweise Nana Mouskouri – wenn auch für eine rechte Partei – als Abgeordnete dorthin, was die Prominenz des Europäischen Parlaments in den Fokus des Interesses rückte …

NH: Ich habe ein Nord-Südgefälle festgestellt. In den südeuropäischen Ländern besteht eine viel positivere – manchmal auch zu unkritische - Grundhaltung gegenüber Europa. In Deutschland merke ich, dass die Europaskepsis zurückgeht, das beweisen aktuelle Umfragen ganz deutlich. Das ist gut. Dennoch stehen wir als Deutsche was die Europabegeisterung angeht etwas hinter Ländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal zurück. Das ist auch nachvollziehbar, schaut man sich deren wirtschaftliche und politische Entwicklungen in den letzten 30 Jahren an.. Diese Länder kamen aus Diktaturen und haben durch die Beitrittsperspektive zur Europäischen Gemeinschaft zu Demokratie gefunden und wirtschaftlicher Entwicklung gefunden. Eigentlich haben wir einen ganz ähnlichen Weg hinter uns, scheinen das aber nicht mehr so präsent zu haben. Wenn wir jetzt in die Ukraine schauen sehen wir, dass das Volk dafür kämpft den Anschluss an Europa oder die EU nicht zu verlieren. Das muss doch Europakritiker überzeugen, dass es immer noch Länder gibt, die den europäischen Gedanken ganz hochhalten und dafür kämpfen. Natürlich kann man dieses Verhalten auf rein ökonomische Fakten reduzieren, aber es ist vielschichtiger. Europa ist es gelungen, durch die wirtschaftliche Integration und deren Vorteile gleichzeitig aber auch gesellschaftliche, politische und demokratische Kulturen zusammenzubringen. Ich bin auch überzeugt davon, dass Martin Schulz, der Kommissionspräsident – also quasi Kanzler von Europa – werden will, Deutschland einen neuen Zugang und eine andere Sichtweise auf das Parlament geben wird.

HPST: Wie sieht Ihr zukünftiges Leben als Europaabgeordneter aus oder wie stellen Sie es sich vor?

NH: Grundsätzlich bin ich gewählter Abgeordneter aus Niedersachsen der SPD, d. h. wir haben zwar keine Wahlkreise bei der Europawahl aber ich will eine Verbindung herstellen zwischen Niedersachsen und Europa. Das ist meine Herausforderung, auf der einen Seite die Wurzeln nicht zu verlieren, auf der anderen Seite aber die Belange der Menschen zu Hause zu vertreten. Ich werde auch nicht komplett nach Brüssel umziehen, aber sehr häufig dort sein. Meine Wähler haben den berechtigten Anspruch mich auch in Niedersachsen zu Gesicht zu bekommen und auf mich und mein Tun Einfluss zu nehmen. Ich möchte in Brüssel keine Politik machen, die sich fernab jeder Realität bewegt.

Nils persönlich

HPST: Wenn wir heute hier nicht dieses Gespräch geführt hätten, was hätte Nils Hindersmann dann getan?

NH: Wahrscheinlich hätte ich Zeit mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen verbracht, mit ihnen gespielt und sie dann ins Bett gebracht.

HPST: Gibt es ein Lebensmotto?

NH: Nein!

HPST: Was unterscheidet den privaten vom politisch/geschäftlichen Nils?

NH: Privat habe ich schätzen gelernt auch mal nichts zu tun. Einfach im Garten zu sitzen, nichts zu lesen, die Kinder zu beobachten. Daraus schöpfe ich Kraft für den Alltag und die Politik.

HPST: Vervollständige bitte den Satz „Wenn ich nicht in die Politik gegangen wäre, dann wäre ich heute …“

NH: … dann wäre ich heute Bauingenieur wie mein Vater, vermute ich.

HPST: Wie „verhindert“ man’s …

NH: (lacht) Ich würde dazu gern eine Anekdote erzählen. Ich habe in meinem Leben als Gewerkschaftssekretär Tarifverhandlungen geführt, bin dabei auf Arbeitgeber gestoßen, die den Eindruck hatten, dass man mit mir schlecht verhandeln kann, da ich immer gegen alles bin. Mein Name war für die Programm! Die Betonmentalität liegt mir ganz bestimmt nicht inne. Ich kann aber sehr beharrlich sein, was gut in die Europapolitik passt, wenn es um die Verteidigung von Werten und Prinzipien geht. Wenn man das als verhindern versteht, dann heiße ich gern Hindersmann!

HPST: Danke für das Gespräch und toi, toi, toi für die Europawahl.
 

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